Das angenehme Leben in der Stadt
Aalborg gleicht einer Schachtel Schokolade. Ein Leckerbissen nach dem anderen taucht auf. In einer schmalen Gasse findet man die Glasbläserin Lene Højlund, Läden mit fantasievoller Kleidung und in der Weinhandlung Penny Lane hausgemachte Heidelbeerkonfitüre, Lemon curd und einen gut abgelagerten Samsøer Käse. In einer schönen alten Schmiede in der Stadtmitte befindet sich Lange Kunsthåndværk. Und mitten in einer der belebten Shoppingmeilen kann man sich unter die Erde begeben, falls man Ruhe sucht. In der Straβe Algade vor dem Kaufhaus Salling steht der gläserne Aufzug, womit man zum Kloster der Grauen Brüder hinunterfährt. Hier kann man sich abseits vom hektischen Alltag, der direkt über unsere, Kopf braust, in das Leben der Mönche hineinversetzen, wie es sich vor 750 Jahren abspielte. Aalborg verfügt über eine Menge Galerien. Eine davon ist Galleri Art So-To in der Jernbanegade. Das sehr gepflegte Restaurant Madkonsortiet liegt ganz in den Nähe, und nach intensiver Beschäftigung mit der Kunst kann man hier etwas Leckeres zu sich nehmen. Ein Besuch im Hjelmerstald-Viertel ist gleichfalls ein Muss. Die Häuser hier sind auβerordentlich schmuck und malerisch, und man ist dauernd versucht, einen neugierigen Blick durch die kleinen Fenster zu werfen.
Ein glücklicher Samstag Schauen, schnuppern, kosten, schwelgen und lächeln. So reagiert man beim Besuch an einem Samstag auf Rosdahls Wochenmarkt am Hafen. Die Nasenflügel zittern vor Freude beim Duft von frischgebackenem Brot und frischgemahlenem Kaffee. Steht man in der Nähe des Fischstandes, strömt einem der Duft von Meer und Tang entgegen. Nähert man sich dem Stand des lokalen Hofmetzgers, steigt einem der Duft von Mettwurst und Gewürzsalami mit Rotwein, Knoblauch oder Walnüssen in die Nase. Alle Herrlichkeiten sind natürlich in Nasenhöhe ausgebreitet. Man hat das Gefühl, sich in einem groβen, alten Gemischtwarenhandel zu befinden, wo die Waren über den Ladentisch gereicht werden, und die Leute mit einem Korb am Arm einkaufen. Hier kauft niemand Käse oder Wurst, ohne sich zuerst nach der Ware erkundigt, an ihr geschnuppert oder sie probiert zu haben. Unter dem gläsernen Ladentisch schimmern Oliven in Lake mit frischen Kräutern. Daneben liegen Lebkuchen, hausgemachte Schokolade und Kaffeebohnen, die man selber mahlen kann. Gut geschützt hinter einem "Nieseschirm". Der Blick wandert über Flunderfilets, Tulpen, Apfelsinen, Karotten und kleine raue Kiwis.
Der Wochenmarkt in Aalborg erinnert mich an die Zeit, wo ich mit meiner französischen Groβmutter jeden Dienstag und Freitag den Markt in Straβburg besuchte. Ich weiβ noch, wie sie mit der kleinen Dame sprach, die Kartoffeln verkaufte. Ich erinnere mich noch daran, wie sie das Geflügel im Käfig genau beobachtete und ein lebendiges Hähnchen aussuchte, um zuletzt die Käsesorten zu kosten, bevor sie vergnügt in Richtung des reifen Camemberts nickte.
Mehr als 30 Jahre sind vergangen, seitdem meine Groβmutter starb, doch der Sinnengenuss am Essen, den sie in mir weckte, lebt immer noch. Das Erlebnis wird hier noch intensiver, wenn man mit leerem Magen zwischen den Ständen umher geht. Der Duft von frischgebackenem Brot weckt einen Appetit, der sich weiter als zum Magen erstreckt.
Der Anblick weckt die Erinnerung an herrliche Frühstücksmahlzeiten, die ich im Laufe der Jahre zu mir genommen habe. Plötzlich muss ich an das Pariser Café an der Ecke denken, wo man groβe Gläser mit frischgepresstem Orangensaft und warme Croissants servierte. Oder an die griechische Taverne, wo ich mit meinem Freund zusammen genüsslich Yoghurt mit Honig aβ. Wenn die stillen Filme vor meinem inneren Auge ablaufen, steigt die Freude darüber, dass ich bald die letzte Mahlzeit des Tages im Restaurant Mortens Kro genieβen werde.
Eine Mahlzeit ist wie ein langer Kuss Was macht man, wenn sowohl Koch als auch Essen unwiderstehlich sind? Im Restaurant eines der Spitzenköche Dänemarks, Morten Nielsen, kommen alle Sinnen voll auf ihre Kosten. Hier trifft man den Koch, der behauptet, gute Mahlzeiten seien wie Küsse: Man erinnert sich an die guten und vergiβt die langweiligen. Und wie ein Kuss kommende Freuden verspricht, gibt eine herrliche Mahlzeit gleichfalls Signale, dass mehr Gutes zu erwarten ist. In unserem Fall zeigte es sich, dass nach dem ersten Gang weitere fünf kamen ... mit einem Sorbet aus Grapefruit und Honig als Zwischengang.
"Die guten Dinge im Leben sind einfach", sagt Morten Nielsen, "und ich möchte, dass sämtliche Sinne bei der Mahlzeit angeregt werden. Es ist wichtig, sich Zeit zu nehmen, um die Nuancen spüren zu können. Am liebsten esse ich mit geschlossenen Augen, denn dann genieβe ich das Essen umso intensiver. Wir schlieβen doch automatisch die Augen, wenn wir küssen - nicht wahr?"
Und als wir den letzten Rest des weiβen Schokoladenparfaits geschleckt hatten, saβen wir mit geschlossenen Augen und warteten auf die Rechnung. Wovon wir dabei träumten, bleibt ein Geheimnis.
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